Wie ehrlich darf man eigentlich sein?
Kleine Gedanken über Ehrlichkeit, Aufrichtigkeit und die manchmal
schwierige Frage, wie wahrhaftig wir mit uns selbst und anderen sein möchten.
Heute habe ich über Ehrlichkeit nachgedacht.
Keine großen Lügen oder Betrug oder Täuschung.
Sondern über die kleinen und großen Wahrheiten unseres Alltags. Die, die wir aussprechen. Und die, die unausgesprochen bleiben.
Und über die Frage:
Wie ehrlich darf man eigentlich sein?
Wenn ich ganz ehrlich bin, fand ich Ehrlichkeit lange Zeit ziemlich unkompliziert.
Zumindest theoretisch.
Die Wahrheit sagen.
Aufrichtig sein.
Nichts vorspielen.
Klingt eigentlich ganz einfach.
Je älter ich werde, desto weniger sicher bin ich mir.
Denn inzwischen glaube ich, dass Ehrlichkeit viele Gesichter hat.
Da ist zunächst die Ehrlichkeit mir selbst gegenüber.
Und die erscheint mir heute wichtiger denn je.
Trotzdem war ich darin nicht immer besonders gut.
Ich habe Dinge schöngeredet.
Manchmal kleingeredet.
Oder sie so lange erklärt, bis sie plötzlich gar nicht mehr so problematisch wirkten.
Zumindest für einen Moment.
Bis sie irgendwann wieder vor meiner Tür standen und freundlich daran erinnerten, dass sie noch da sind.
Rückblickend waren viele meiner Ausreden erstaunlich einfallsreich.
Und vermutlich nicht einmal böse gemeint.
Manchmal war ich einfach noch nicht bereit dafür, wirklich richtig hinzuschauen. Zu sehen, dass etwas nicht passt. Dass ich eine Grenze überschritten habe. Oder jemand meine Grenzen überschritten hat.
Dass ich traurig bin.
Dass ich wütend bin.
Oder dass ich mir etwas wünsche, das ich mir selbst noch gar nicht eingestehen möchte.
Diese Ehrlichkeit mit mir selbst war nicht immer angenehm.
Aber sie war fast immer befreiend.
Auch wenn sich diese Befreiung manchmal erst etwas später gezeigt hat.
Komplizierter wird es für mich bei der Ehrlichkeit anderen Menschen gegenüber.
Denn dort treffen plötzlich verschiedene Werte aufeinander.
Wahrheit.
Mitgefühl.
Respekt.
Verantwortung.
Und manchmal ziehen sie nicht in dieselbe Richtung.
Muss ich wirklich alles sagen, was ich denke?
Ist Schweigen unehrlich?
Oder ist es manchmal sogar der liebevollere Weg?
Bin ich mutig, wenn ich etwas ausspreche?
Oder einfach nur rücksichtslos?
Ich habe darauf keine endgültige Antwort gefunden.
Vielleicht gibt es sie auch gar nicht.
Was ich allerdings gelernt habe:
Ehrlichkeit ist nicht automatisch freundlich.
Und Freundlichkeit ist nicht automatisch ehrlich.
Die Kunst besteht vermutlich darin, beides miteinander zu verbinden.
Die Wahrheit auszusprechen, ohne sie als Waffe zu benutzen.
Und Rücksicht zu nehmen, ohne sich selbst dabei zu verlieren.
Je länger ich darüber nachdenke, desto mehr glaube ich, dass Ehrlichkeit gar nicht bei anderen Menschen beginnt.
Sondern bei mir.
Bei meiner Bereitschaft, wirklich hinzuschauen.
Mich nicht herauszureden.
Mich nicht zu verstecken.
Mich nicht kleiner oder größer zu machen, als ich bin.
Vielleicht verändert genau das auch unsere Beziehungen.
Nicht, weil wir plötzlich ehrlicher sein wollen.
Sondern weil wir aufgehört haben, uns selbst etwas vorzumachen.
Susanne ♡