Mut beginnt früher, als wir denken
Kleine Gedanken über Mut, Ehrlichkeit und die Frage, warum sich Veränderung
schon viel früher ankündigt, als wir wahrnehmen.
Heute Nacht konnte ich nicht schlafen.
Mich beschäftigt gerade ein Problem. Und irgendwie denke ich nachts am klarsten, wenn alles ruhig geworden ist.
Irgendwann zwischen Gedankenkarussell und Lösungsfindung wurde mir klar, was mich eigentlich beschäftigt.
Es ging um das Thema Mut.
Wenn ich über Mut nachdenke, denke ich meistens zuerst an große Dinge.
An Menschen, die aus Flugzeugen springen, auf großen Bühnen stehen oder Leben aus Feuern retten.
Ich habe selbst lange geglaubt, dass Mut vor allem etwas mit meinen Handlungen zu tun hat.
Mit dem, was ich tue.
Heute Nacht wurde mir klar, dass ich Mut inzwischen anders betrachte.
Wenn ich auf mein Leben zurückschaue, gab es viele Situationen, die Mut erfordert haben.
Das Vorspiel am Klavier auf der Schulveranstaltung.
Den ersten Liebeskummer.
Den Auszug von Zuhause.
Mutter werden.
Trennungen.
Jobwechsel.
Abschiede.
Neuanfänge.
Entscheidungen, die richtig waren und mir trotzdem Angst gemacht haben. Vor allem dann, wenn ich nicht wusste, was danach kommt.
Aber auch Situationen, in denen mir der Mut gefehlt hat. Manche davon bedauere ich bis heute.
Mir ist aufgefallen:
Der eigentliche Mut lag oft gar nicht in der Handlung selbst.
Er setzte viel früher an.
Nämlich in dem Moment, in dem ich bereit war, ehrlich hinzuschauen.
Ehrlich zu mir selbst.
Zu erkennen, dass etwas nicht stimmt.
Dass etwas nicht mehr passt.
Dass ein Weg, auf dem ich unterwegs war, vielleicht nicht mehr mein Weg ist.
Dass eine Gewohnheit mir nicht guttut.
Dass eine Beziehung mich mehr Kraft kostet, als sie mir schenkt.
Dass ein Wert, der mir wichtig ist, in meinem Leben kaum noch vorkommt.
Dass ich mich von mir selbst entfernt habe.
Solche Erkenntnisse waren nicht besonders angenehm.
Hin und wieder habe ich sie bemerkenswert kreativ umschifft.
Ich habe Erklärungen gefunden.
Ausreden auch.
Ich habe gewartet.
Gehofft, dass sich das Problem von selbst erledigt.
Und gelegentlich so getan, als wäre da überhaupt kein Problem.
Rückblickend war das selten erfolgreich.
Manches habe ich sehr lange mit mir herumgetragen.
Nicht, weil ich es nicht gesehen hätte.
Sondern weil ich noch nicht bereit war, es anzuerkennen.
Heute Nacht wurde mir bewusst, dass zwischen Erkennen und Anerkennen Welten liegen können.
Ich konnte oft schon spüren, dass etwas nicht mehr stimmig war.
Aber es auszusprechen – wenigstens vor mir selbst – war noch einmal etwas ganz anderes.
Denn in dem Moment wurde es real.
Und mit dieser Ehrlichkeit kommt eine neue Frage:
Was mache ich jetzt damit?
Vielleicht habe ich Mut deshalb lange anders verstanden.
Ich glaube inzwischen, dass Mut nicht erst dann beginnt, wenn ich losgehe.
Vielmehr beginnt er in dem stillen Augenblick davor.
In dem Moment, in dem ich aufhöre, mir selbst auszuweichen.
In dem Moment, in dem ich sage:
Ja.
So ist es jetzt gerade.
Und ich bin bereit, das anzusehen.
Obwohl ich noch nicht weiß, wie die Lösung aussieht.
Obwohl ich noch nicht weiß, wohin genau der Weg führt.
Obwohl ich lieber Gewissheit hätte.
Heute Nacht bin ich dem Mut ein Stück näher gekommen.
Und ich hatte die Erkenntnis:
Für mich beginnt Mut nicht erst mit einer Handlung.
Sondern einen Schritt davor: mit der Bereitschaft, die Wahrheit zu sehen.
Susanne ♡