Gedanken von Zeit zu Zeit

Mut zur Lücke

Kleine Gedanken über Leere, Ruhe und die Möglichkeit,
nicht jede Lücke sofort schließen zu müssen.

Ist dir schon mal aufgefallen, wie schnell wir versuchen, eine Lücke zu schließen?

Wie schwer es uns manchmal fällt, etwas einfach offen zu lassen?

Einfach mal nichts zu tun?

Leere Kalender.
Stille.
Pausen.
Unbeantwortete Fragen.
Freie Zeit.
Unfertige Dinge.
Weiße Flächen.

Irgendetwas in uns scheint sofort zu denken:

Da fehlt doch etwas.

Vielleicht beginnt genau dort schon der Irrtum.

Denn je bewusster ich werde, desto mehr glaube ich, dass nicht jede Lücke geschlossen werden muss.

Und dass es manchmal sogar Mut braucht, sie stehen zu lassen.

Lange Zeit dachte ich, ein gutes Leben bedeutet, möglichst alles im Griff zu haben.

Alles beantworten.
Alles verstehen.
Alles lösen.
Alles richtig machen.

Ich wollte vollständig sein.
Organisiert.
Klar.
Vorbereitet.

Rückblickend war das ziemlich anstrengend.

Und vermutlich auch der Versuch, Sicherheit herzustellen.

Denn Lücken bedeuten oft Unsicherheit.

Wir wissen noch nicht, wie etwas ausgeht.
Wir wissen nicht, ob etwas reicht.
Wir wissen nicht, ob wir reichen.

Also füllen wir.

Mit Arbeit.
Mit Ablenkung.
Mit Erklärungen.
Mit Konsum.
Mit Terminen.
Mit Dingen.
Mit Menschen.
Mit Geräuschen.
Manchmal sogar mit Problemen.

Hauptsache, da bleibt keine Leere.

Heute glaube ich, dass manche Lücken wichtig sind.

Nicht als Mangel.
Sondern als Raum.

Raum zum Nachdenken.
Zum Atmen.
Zum Spüren.
Zum Entstehenlassen.

Es gibt ein Zitat von Astrid Lindgren, das mich immer wieder berührt:

„Und dann muss man ja auch noch Zeit haben, einfach dazusitzen und vor sich hin zu schauen."

Ich glaube, genau das geht uns im Alltag manchmal verloren.

Vielleicht braucht nicht jede Frage sofort eine Antwort.

Vielleicht muss nicht jeder freie Moment produktiv genutzt werden.

Vielleicht dürfen manche Dinge unfertig bleiben.

Und vielleicht bedeutet Reife manchmal nicht, immer mehr hinzuzufügen.

Sondern bewusst etwas wegzulassen.

Manchmal frage ich mich trotzdem, ob das wirklich der einfachere Weg ist.

Schließlich scheint es heute fast selbstverständlich zu sein, jede Möglichkeit zu nutzen.

Immer erreichbar.
Immer beschäftigt.
Immer noch ein bisschen mehr.

Und natürlich kenne ich dieses Gefühl auch.

Trotzdem komme ich immer wieder zum selben Punkt zurück:

Ich möchte nicht alles tun, nur weil es möglich ist.
Ich möchte Entscheidungen treffen, die zu mir passen.
Zu meinem Leben.
Zu meinen Werten.
Zu der Art, wie ich arbeiten und wirken möchte.

Vielleicht ist genau das ebenfalls eine Form von Mut zur Lücke.

Zu akzeptieren, dass der eigene Weg anders aussehen darf.

Langsamer vielleicht.
Leiser.
Mit mehr Raum.
Und trotzdem richtig.

Denn nicht jede Lücke ist ein Problem.

Manche sind eine bewusste Entscheidung.

Heute glaube ich:

Mut zeigt sich nicht nur darin, etwas zu tun.

Manchmal zeigt er sich auch darin, etwas bewusst sein zu lassen.

Eine Pause.
Eine Unsicherheit.
Eine freie Fläche.
Einen stilleren Weg.

Vielleicht braucht es sogar besonders viel Mut, sich nicht ständig beweisen zu müssen.

Sondern darauf zu vertrauen, dass nicht alles ergänzt, optimiert oder ausgefüllt werden muss.

Dass manches genau richtig ist, weil noch Raum da ist.

Susanne