Gedanken von Zeit zu Zeit

Das Gras wächst nicht schneller, wenn man daran zieht

Kleine Gedanken über Geduld, Vertrauen und die Kunst,
dem Leben seine Zeit zu lassen.

Vor einiger Zeit ist mir dieses Zitat begegnet:

„Das Gras wächst nicht schneller, wenn man daran zieht."

Ich musste erst schmunzeln. Dann nachdenken.

Und dann habe ich gemerkt, dass dieser Satz viel mehr in mir ausgelöst hat, als ich zunächst gedacht hätte.

Denn eigentlich beschreibt er etwas, das mir immer bewusster wird.

Ich wünsche mir, dass etwas endlich leichter wird.
Dass eine Entscheidung getroffen ist.
Dass ein Schmerz nachlässt.
Dass sich etwas verändert.

Am liebsten wäre ich manchmal schon am Ziel.

Ich glaube, das kennen viele von uns.

Wir möchten vorankommen.
Wir möchten Lösungen finden.
Wir möchten wachsen, uns weiterentwickeln.
Und manchmal hätten wir gern, dass all das ein bisschen schneller geht.

Dabei gibt es Dinge, die ihren eigenen Rhythmus haben.

Eine Wunde heilt nicht schneller, weil ich jeden Tag nachsehe.
Eine Jahreszeit beginnt nicht früher, weil ich sie herbeisehne.
Und auch wir Menschen entwickeln uns nicht nach einem festen Zeitplan.

Vielleicht ist genau das eine der schwierigsten Übungen überhaupt.

Zu akzeptieren, dass manche Prozesse Zeit brauchen.
Nicht, weil wir etwas falsch machen.
Sondern weil Wachstum sich nicht beschleunigen lässt.

Geduld habe ich früher oft mit Warten verwechselt.

Heute fühlt sie sich anders an.

Geduld bedeutet für mich nicht, untätig zu sein.

Sie bedeutet auch nicht, einfach alles hinzunehmen.

Sie bedeutet vielmehr, das zu tun, was ich gerade tun kann – und anschließend dem Leben zuzutrauen, seinen Teil beizutragen.

Das fällt mir nicht immer leicht.

Denn ich möchte Dinge gern verstehen.
Ich möchte Lösungen finden.
Ich möchte handeln.

Und manchmal besteht die eigentliche Aufgabe genau darin, nichts mehr zu beschleunigen.

Sondern dem Leben seine Zeit zu lassen.

Vielleicht hat das etwas mit Demut zu tun.

Mit der Erkenntnis, dass nicht alles in meiner Hand liegt.

Und vielleicht auch mit Vertrauen.

Mit dem Vertrauen darauf, dass manches längst wächst, obwohl ich es noch gar nicht sehen kann.

Ein schöner Nebeneffekt ist übrigens, dass man dem Gras tatsächlich einmal beim Wachsen zusehen kann.

Nicht, weil man dabei erkennt, wie schnell es wächst.

Sondern weil man selbst langsamer wird.

Plötzlich fallen Kleinigkeiten auf.
Das Licht zwischen den Halmen.
Der Wind.
Ein Käfer, der seinen Weg sucht.

Für einen Moment verliert die Welt ihre Eile.

Und ich glaube, genau darin liegt etwas unglaublich Wohltuendes.

Vielleicht erinnert uns das Gras gar nicht nur daran, geduldig zu sein.

Vielleicht erinnert es uns auch daran, dass das Leben nicht ständig schneller werden muss.

Dass wir nicht ständig schneller werden müssen.

Heute versuche ich deshalb, mich immer wieder an diesen Satz zu erinnern.

Nicht, weil er alle Antworten kennt.

Sondern weil er mich einlädt, dem Leben ein wenig mehr zu vertrauen.

Denn das Gras wächst tatsächlich nicht schneller, wenn man daran zieht.

Aber es wächst.

Susanne