Gedanken von Zeit zu Zeit

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Nur ein Schritt

Kleine Gedanken über Veränderung, Identität und die Frage,
was entstehen darf, wenn wir nur einen Schritt in eine neue Richtung machen.

♡

Heute hatte ich gegen Ende eines letzten Coachingtermins mit einem jungen Mann ein Gespräch, das mich noch Stunden später beschäftigt hat.

Unsere gemeinsame Arbeit war eigentlich abgeschlossen. Zum Ende fragte ich ihn, wie ich es häufig tue, ob es noch etwas gäbe, das er gerne mit mir besprechen würde. Etwas, das ihm wichtig ist. Etwas, das ich ihm noch mitgeben darf.

Und dann erzählte er mir, dass er aufhören möchte, Alkohol zu trinken.

Er wollte wissen, was ich darüber denke und ob ich ihm dazu einen Impuls geben würde.

Dieser Moment hat mich berührt.

Auch deshalb, weil ich weiß, wie persönlich eine solche Entscheidung ist. Und wie viel manchmal schon passiert ist, bevor ein Mensch sie überhaupt laut ausspricht.

Wir haben dann eine ganze Weile darüber gesprochen.

Darüber, dass es bei einer solchen Veränderung für mich um weit mehr geht als darum, etwas einfach nicht mehr zu tun.

Gewohnheiten verändern sich. Manchmal verändert sich auch das soziale Umfeld. Und irgendwann verändert sich möglicherweise sogar das Bild, das wir von uns selbst haben.

Wir haben darüber gesprochen, wie wichtig es sein kann, neugierig auf sich selbst zu werden. Herauszufinden, warum man eigentlich tut, was man tut. Welche Funktion bestimmte Gewohnheiten haben. Und was man braucht, um achtsam und fürsorglich mit sich selbst umzugehen.

Und irgendwann stellte ich ihm eine Frage:

Was für ein Mann möchtest du eigentlich sein?

Diese Frage hallt noch nach.

Nicht nur im Zusammenhang mit Alkohol.

Denn eigentlich begegnet sie uns bei ganz vielen Veränderungen im Leben.

Häufig wissen wir zunächst ziemlich genau, was wir nicht mehr möchten.

Wir möchten nicht mehr rauchen oder trinken.
Wir möchten nicht mehr in einer Beziehung bleiben, in der wir uns schon lange nicht mehr wohlfühlen.
Wir möchten nicht mehr jeden Morgen mit einem unguten Gefühl zur Arbeit fahren.
Wir möchten eine Gewohnheit verändern, die uns nicht guttut.
Wir möchten nicht mehr ständig über unsere eigenen Grenzen gehen.

Dieses „Nicht mehr" kann unglaublich wichtig sein.

Es ist oft der erste Schritt.

Doch irgendwann entsteht dahinter eine neue Frage:

Was möchte ich stattdessen?

Denn wenn etwas wegfällt, entsteht zunächst einmal Raum.

Dieser Raum kann sich ungewohnt anfühlen. Manchmal sogar ein bisschen leer.

Gleichzeitig liegt genau darin etwas Spannendes.

Denn plötzlich kann dort etwas entstehen, das vorher gar keinen Platz hatte.

Ein anderes Ritual.
Eine andere Entscheidung.
Ein anderer Umgang mit mir selbst.
Auch ein anderes Bild davon, wer ich bin.

Ich kenne das aus meinem eigenen Leben.

Bei manchen meiner Veränderungen gab es irgendwann einen Punkt, an dem ich nicht mehr hauptsächlich dachte:

Das darf ich jetzt nicht mehr.

Sondern:

Das möchte ich nicht mehr.

Und irgendwann sogar:

Das gehört nicht mehr zu mir.

Für mich liegt darin ein großer Unterschied.

„Das darf ich nicht mehr" fühlt sich nach Verzicht an.
„Das möchte ich nicht mehr" ist bereits eine eigene Entscheidung.
„Das gehört nicht mehr zu mir" erzählt noch einmal von etwas anderem – von Veränderung, die irgendwann Teil unseres Selbstbildes geworden ist.

Ich glaube nicht, dass wir dafür von heute auf morgen ein anderer Mensch werden müssen.

Es funktioniert womöglich sogar genau andersherum.

Wir treffen eine Entscheidung. Machen einen ersten Schritt. Dann noch einen.

Wir beobachten uns. Lernen etwas über uns. Finden heraus, was uns guttut und was wir brauchen.

Und während wir noch glauben, dass wir einfach nur eine Gewohnheit verändern, verändert sich ganz leise auch etwas anderes: die Vorstellung davon, wer wir sind.

Die Frage, was wir nicht mehr möchten, ist dann nur der Anfang.

Und irgendwann kommt eine zweite hinzu:

Wer möchte ich sein?

Darauf müssen wir nicht sofort eine Antwort haben.

Es reicht zunächst, eine Ahnung davon zu bekommen.

Eine Ahnung davon, wie wir leben möchten. Wie wir mit uns selbst umgehen möchten. Was wir in unserem Leben mehr und was wir weniger haben möchten.

Und dann einen ersten Schritt in diese Richtung zu machen.

Nicht, weil damit schon alles anders wäre.

Sondern weil Veränderung so beginnen kann.

Mit einer Entscheidung, die zunächst ganz klein aussieht.

Und mit jedem weiteren Schritt entsteht etwas Neues.

Neue Erfahrungen.
Neue Gewohnheiten.
Irgendwann auch ein neues Selbstverständnis.

Das Alte verschwindet dabei nicht sofort. Und das Neue muss noch gar nicht fertig sein.

Aber der Blick verändert sich.

Weg von dem, worauf wir verzichten.
Hin zu dem, was vor uns liegt.

Verzicht richtet den Blick auf das, was fehlt.
Freiheit richtet den Blick auf das, was möglich wird.

Vielleicht hat mich das Gespräch deshalb noch so lange beschäftigt.

Weil es am Ende gar nicht nur um Alkohol ging.

Sondern um die Möglichkeit, sich selbst eine andere Frage zu stellen.

Nicht nur: Womit möchte ich aufhören?

Sondern auch: Wofür möchte ich mich entscheiden?

Ich glaube, manchmal beginnt genau dort etwas Neues.

Noch ganz klein.

Mit einem einzigen Schritt in eine neue Richtung.

Und das bedeutet für mich Freiheit.

Susanne ♡

sanfter-wandel.de