Gewaltsam oder behutsam?
Kleine Gedanken darüber, warum Veränderung manchmal nicht Kraft
und Anstrengung, sondern Halt braucht.
Vor ein paar Tagen habe ich eine interessante kleine Übung kennengelernt.
Ich sollte an etwas denken, das mich stark beschäftigt. An etwas, das ich festhalte – oder das mich festhält.
Diesen Gedanken nahm ich symbolisch in eine Hand und schloss sie darum zu einer festen Faust.
Dann sollte ich versuchen, diese Faust mit meiner anderen Hand zu öffnen.
Und ich versuchte es wirklich.
Ich zog an meinen Fingern, drückte dagegen, versuchte die geschlossene Hand irgendwie aufzubekommen.
Es gelang mir nicht.
Im Gegenteil.
Je mehr Kraft ich mit der einen Hand aufbrachte, desto fester ballte sich die andere zur Faust.
Dann änderte sich die Übung.
Ich sollte nicht mehr versuchen, die Faust zu öffnen.
Sie durfte genauso bleiben, wie sie war.
Stattdessen legte ich meine andere Hand behutsam unter die geschlossene Faust.
Ich hielt sie einfach.
Und plötzlich veränderte sich etwas.
Ich steuerte nichts bewusst. Und trotzdem war da auf einmal etwas anderes: Halt.
Und mit diesem Halt kamen für mich noch zwei andere Dinge hinzu: Vertrauen und Entspannung.
Die Faust musste nicht mehr gegen etwas ankämpfen.
Sie durfte geschlossen sein.
Und gerade dadurch brauchte sie auf einmal weniger Kraft, um festzuhalten.
Die Faust entspannte sich, ohne das, was sie schützen wollte, loszulassen.
Sie wurde einfach nur ein kleines bisschen lockerer.
Dieser Moment ist mir geblieben.
Denn wie oft hatte ich schon versucht, Veränderungen auf die erste Art herbeizuführen?
Mit Kraft.
Mit Druck.
Mit einem inneren „Jetzt aber".
Wir wollen etwas loslassen, ablegen, beenden oder endlich anders machen.
Und ziehen dabei manchmal genauso an uns selbst, wie ich an meiner geschlossenen Faust gezogen habe.
Dabei hat mir diese kleine Übung eine ganz andere Frage hinterlassen:
Was geschieht, wenn ich nicht versuche, etwas gewaltsam zu lösen – sondern dem, was gerade noch festhält, zunächst einmal Halt gebe?
Vielleicht ist Behutsamkeit gar nicht das Gegenteil von Veränderung.
Wir verbinden Veränderung schnell mit Aktivität. Mit einer Entscheidung, mit Anstrengung, mit dem nächsten Schritt.
Halt fühlt sich dagegen zunächst fast nach Nichtstun an.
Dabei ist auch Halt etwas, das wir geben können.
Nur ohne Kampf.
Die zweite Hand in dieser kleinen Übung wollte nichts mehr erreichen.
Sie versuchte nicht, die Faust mit einer sanfteren Methode doch noch zu überlisten.
Sie lag einfach da.
Und vielleicht war genau das der Grund, warum etwas geschehen konnte, das vorher mit aller Kraft nicht möglich gewesen war: Die Anspannung ließ ein wenig nach.
Nicht vollständig.
Die Faust öffnete sich nicht.
Aber sie musste auch nicht mehr mit aller Kraft geschlossen bleiben.
Für mich steckt darin ein Gedanke, den ich wunderschön finde:
Vielleicht braucht es zum Loslassen manchmal zuerst die Erfahrung, dass wir nicht loslassen müssen.
Dass etwas erst einmal da sein darf.
Dass wir nicht sofort daran ziehen, es verändern oder wegbekommen müssen.
Und dass Halt etwas mit Vertrauen zu tun haben kann.
Mit dem Gefühl: Ich muss gerade nichts verteidigen. Ich muss nichts beweisen. Ich muss mich zu nichts zwingen.
Vielleicht entsteht genau dort ein wenig mehr Entspannung.
Und aus Entspannung möglicherweise irgendwann die Bereitschaft, ein kleines bisschen lockerer zu lassen.
Nicht, weil jemand an unseren Fingern zieht.
Sondern weil wir nicht mehr ganz so festhalten müssen.
Seit dieser kleinen Übung beschäftigt mich deshalb noch ein anderer Gedanke:
Was wäre, wenn es mir künftig öfter gelänge, erst einmal Halt zu geben, statt sofort etwas verändern zu wollen?
Wenn ich nicht gleich an der Faust ziehe, sobald ich merke, dass etwas in mir festhält.
Wenn ich nicht sofort versuche, etwas loszuwerden, nur weil ich erkannt habe, dass es mir nicht mehr guttut.
Sondern erst einmal wahrnehme, dass da offenbar etwas ist, das noch festhalten möchte. Vielleicht sogar festhalten muss.
Ich weiß nicht, was dann geschieht.
Vielleicht verändert sich gar nichts.
Vielleicht entsteht aber auch genau das, was ich in diesem kleinen Moment mit meinen beiden Händen gespürt habe: Halt. Vertrauen. Entspannung.
Und vielleicht braucht es zum Loslassen manchmal tatsächlich zuerst die Erfahrung, dass ich nicht loslassen muss.
Diesen Gedanken möchte ich im Bewusstsein behalten.
Mich daran erinnern, wenn ich wieder einmal merke, dass ich mit aller Kraft an etwas ziehe, das sich gerade noch nicht lösen lässt.
Und dann ausprobieren, was geschieht, wenn ich nicht noch fester ziehe.
Sondern behutsamer werde.
Nicht alles muss sich sofort lösen.
Manches darf vielleicht erst einmal ein kleines bisschen lockerer werden.
Susanne ♡