Gedanken von Zeit zu Zeit

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Was ich auf einem Friedhof lernen darf

Kleine Gedanken über das Leben, die Zeit und die Frage,
was am Ende von uns bleiben soll.

♡

Ich bin gern auf Friedhöfen.

Das klingt vielleicht ein bisschen merkwürdig.

Aber ich mag Friedhöfe wirklich.

Ich mag die Ruhe dort. Die alten Bäume. Die Wege zwischen den Gräbern. Die Blumen und kleinen Zeichen, die Menschen für andere Menschen dort hinterlassen.

Und ich lese Grabsteine.

Namen.
Geburtsjahre.
Sterbejahre.

Manchmal rechne ich aus, wie alt jemand geworden ist.

Manchmal entdecke ich zwei Namen und überlege, wie lange diese Menschen wohl miteinander gelebt haben.

Und manchmal bleibe ich an einem Satz hängen.

Ich empfinde Friedhöfe dabei überhaupt nicht als bedrückend.

Im Gegenteil.

Sie bringen mich zum Nachdenken.

Nicht so sehr über den Tod.

Sondern über das Leben.

Denn zwischen all diesen Namen und Jahreszahlen wird mir etwas bewusst, das sich im Alltag erstaunlich leicht vergessen lässt: Unsere Zeit ist begrenzt.

Das ist keine besonders neue Erkenntnis.

Und trotzdem macht es einen Unterschied, ob ich diesen Satz einfach nur weiß oder ob ich zwischen den Lebensdaten eines Menschen stehe und plötzlich sehe:

Da war ein ganzes Leben. Mit einem Anfang. Und einem Ende. Und mit allem, was dazwischen lag.

Ich habe irgendwann angefangen, mir an solchen Orten Fragen zu stellen.

Nicht unbedingt die bequemen.

Auf was für ein Leben möchte ich einmal zurückblicken?
Wer soll an meiner Seite sein?

Und eine Frage beschäftigt mich dabei ganz besonders:

Was darf einmal auf meinem Grabstein stehen?

Natürlich meine ich damit nicht die tatsächliche Inschrift.

Mir geht es um das, was sie erzählen könnte. Über den Menschen, der ich gewesen bin. Über das Leben, das ich geführt habe. Über das, was mir wichtig war.

Und plötzlich wirken manche Dinge, über die ich mir im Alltag erstaunlich viele Gedanken mache, ziemlich klein.

Ich glaube nicht, dass ich am Ende meines Lebens darüber nachdenken werde, ob ich immer alles richtig gemacht habe.

Ob meine Wohnung ordentlich genug war.
Ob ich jede Erwartung erfüllt habe.
Oder ob ich an jeder Stelle meines Lebens vernünftig gewesen bin.

Andere Dinge werden plötzlich sehr groß.

Habe ich geliebt?
Habe ich mich lieben lassen?
War ich wirklich da?
Habe ich gelacht?
Habe ich mich getraut?
Bin ich meinen eigenen Weg gegangen?
Habe ich das gelebt, was in mir war?

Gerade die letzte Frage begleitet mich schon lange.

Denn irgendwann in meinem Leben begann ich zu spüren, dass da noch mehr von mir war.

Nicht im Sinne von höher, schneller, weiter.

Nicht mehr Erfolg. Nicht mehr Leistung.

Sondern einfach: mehr von mir.

Ich hatte das Gefühl, bei weitem noch nicht alles zu leben, was in mir steckte.

Als würde etwas in mir darauf warten, endlich Raum zu bekommen.

Und gleichzeitig spürte ich, dass ich selbst diejenige war, die es zurückhielt.

Rückblickend glaube ich, dass viele Veränderungen meines Lebens genau dort begonnen haben.

Nicht mit einer großen Entscheidung.
Nicht mit einem mutigen Schritt.
Und schon gar nicht mit einem fertigen Plan.

Sondern mit einer leisen Ahnung:

So, wie ich gerade lebe, ist noch nicht alles von mir.

Später wurden daraus Entscheidungen.

Ich habe Dinge beendet. Andere begonnen. Ich habe Gewohnheiten losgelassen, Beziehungen und Lebensentwürfe hinterfragt, beruflich neue Wege eingeschlagen.

Manches davon hat Mut gebraucht. Manches Zeit. Und manches deutlich mehr Anläufe, als mir lieb gewesen wäre.

Aber wenn ich heute zurückblicke, sehe ich darin keine einzelnen Veränderungen mehr.

Ich sehe einen Weg.

Das ist einer der Gründe, warum ich Friedhöfe so mag.

Sie erinnern mich daran, diese Frage nicht irgendwann zu beantworten.

Nicht erst dann, wenn mehr Zeit ist.
Wenn alles erledigt ist.
Wenn die Umstände besser passen.
Wenn ich mutiger, sicherer oder vernünftiger geworden bin.

Denn irgendwann stehe ich nicht mehr vor einem Grabstein und denke über ein anderes Leben nach.

Irgendwann wird dort mein Name stehen.

Diesen Gedanken finde ich nicht traurig.

Ich finde ihn erstaunlich lebendig.

Denn er führt mich immer wieder zurück zu der Frage, die mir inzwischen wichtiger erscheint als die nach einer möglichen Inschrift:

Lebe ich heute schon so, dass das, was einmal über mein Leben gesagt werden darf, auch wahr sein wird?

Ich möchte nur nicht irgendwann feststellen, dass ich mein Leben damit verbracht habe, etwas in mir zurückzuhalten, das eigentlich gelebt werden wollte.

Vielleicht gehe ich deshalb so gern über Friedhöfe.

Sie erinnern mich an den Tod.

Aber noch viel mehr erinnern sie mich daran, dass ich lebe.

Susanne ♡

sanfter-wandel.de