Eine Frage der Dosierung
Kleine Gedanken über FOMO, JOMO und die Freiheit,
selbst zu entscheiden, wie viel Welt gerade zu mir darf.
Irgendwann begegneten mir zwei Begriffe, die ich ziemlich interessant fand.
FOMO – Fear of Missing Out.
Die Angst, etwas zu verpassen.
Nicht dabei zu sein. Etwas nicht mitzubekommen. Eine Gelegenheit zu versäumen. Nicht zu wissen, worüber gerade alle reden.
Und dann gibt es noch:
JOMO – Joy of Missing Out.
Die Freude daran, etwas zu verpassen.
Oder vielleicht besser: Die Freude daran, nicht überall dabei sein und nicht alles mitbekommen zu müssen.
Ich wusste ziemlich schnell, welcher der beiden Begriffe mir sympathischer war.
JOMO.
Wie wohltuend kann es bitte sein, sich einfach mal nicht jeden Scheiß zu geben?
Keine Nachrichten.
Kein Social Media.
Nicht ständig das Handy in der Hand.
Nicht wissen müssen, was gerade irgendwo passiert, wer was gesagt hat und worüber sich die Welt heute aufregt.
Einfach mal raustreten. Und die Welt Welt sein lassen.
Ich habe in den vergangenen Jahren immer mehr Gefallen daran gefunden.
Denn die Welt kommt inzwischen ziemlich zuverlässig zu uns. Wir müssen sie nicht einmal mehr suchen.
Sie vibriert in unserer Hosentasche. Sie schickt Nachrichten. Sie möchte unsere Aufmerksamkeit.
Und natürlich können wir jederzeit nachsehen.
Die interessantere Frage ist vielleicht: Müssen wir das auch?
Ich glaube nicht, dass ich große Angst davor habe, etwas zu verpassen.
Ich muss nicht überall dabei sein. Ich muss nicht jeden Trend kennen.
Was ich allerdings sehr gut kenne, ist der Sog.
Wenn mich etwas interessiert, bin ich nicht ein bisschen interessiert.
Dann bin ich drin.
Ich lese.
Ich recherchiere.
Ich höre.
Ich möchte Zusammenhänge verstehen.
Und ehe ich mich versehe, ist aus einem kurzen „Das schaue ich mir mal an" ein ziemlich ausgewachsenes neues Interessengebiet geworden.
Deshalb war Rückzug für mich irgendwann ausgesprochen wohltuend.
Nicht alles wissen.
Nicht auf alles reagieren.
Nicht jede Diskussion verfolgen.
Das Handy auch einmal weglegen und feststellen: Die Welt dreht sich tatsächlich weiter. Auch ohne mich.
In letzter Zeit bemerke ich allerdings, dass sich etwas verändert.
Ich möchte wieder mehr wissen. Ich möchte verstehen, was um mich herum geschieht.
Politisch.
Gesellschaftlich.
Wirtschaftlich.
Nicht aus Angst, etwas zu verpassen.
Sondern weil ich zunehmend etwas anderes empfinde: Verantwortung.
Was in unserer Gesellschaft geschieht, betrifft mich. Es betrifft Menschen, die ich liebe. Meine Kinder. Meine Arbeit. Meine Zukunft.
Und irgendwann habe ich gemerkt, dass sich vollständiger Rückzug für mich deshalb auch nicht mehr richtig anfühlt.
Ich möchte informiert sein.
Ich möchte mir eine Meinung bilden können.
Ich möchte mitreden können.
Und dort, wo es mir möglich ist, möchte ich auch mitwirken.
Ich tauche also gerade wieder ein bisschen auf.
Und interessanterweise nehme ich wahr, dass auch um mich herum Menschen auftauchen. Menschen, die Fragen stellen. Die genauer hinsehen. Die verstehen möchten.
Das gefällt mir.
Und gleichzeitig weiß ich inzwischen, wie schnell aus Aufmerksamkeit Überflutung werden kann.
Wie schnell aus Interesse ein Sog wird. Und wie wenig mir damit geholfen ist, alles zu wissen, wenn ich irgendwann nur noch erschöpft davon bin.
Vielleicht liegt meine persönliche Antwort deshalb weder im FOMO noch im JOMO.
Nicht darin, möglichst alles mitzubekommen. Aber auch nicht darin, die Welt auszublenden.
Sondern darin, bewusst zu wählen.
Wann möchte ich hinschauen?
Was möchte ich verstehen?
Wo möchte ich mich einbringen?
Und wann ist es genug?
Ich darf auftauchen. Mich informieren. Mich interessieren. Mitdenken und mitwirken.
Und ich darf genauso wieder einen Schritt zurücktreten.
Das Handy weglegen.
Die Nachrichten ausschalten.
Einen Spaziergang machen.
Mit einem Menschen reden, den ich liebe.
Oder einfach eine Weile überhaupt nichts darüber wissen, was irgendwo auf der Welt gerade schon wieder passiert.
Vielleicht bedeutet JOMO für mich heute deshalb etwas anderes als noch vor einiger Zeit.
Nicht die Freude daran, die Welt zu verpassen.
Sondern die Freiheit, selbst zu entscheiden, wie viel Welt gerade zu mir darf.
Denn ich möchte an dieser Welt teilhaben.
Aber ich muss sie nicht rund um die Uhr in der Hand halten.
Manchmal darf ich sie auch einfach Welt sein lassen.
Susanne ♡